10.03.2009, 09:19 Uhr | Christian Stöcker
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Physiker Stephen Wolfram tritt mit 'WolframAlpha' gegen Google an. (Foto: stephenwolfram.com)Die Netzvordenker rund um den Globus sind in Aufruhr: Der brillante Wissenschaftler Stephen Wolfram tritt an, Googles Allmacht zu brechen. Er hat eine bisher streng geheime Software programmiert - sie kann angeblich Antworten auf konkrete Suchanfragen geben. So viel ist klar: Ginge es hier nicht um Stephen Wolfram, wäre die Aufregung, die seit dem Wochenende Teile des Internets erfasst hat, weniger groß. Einen Google-Killer wollten schon viele bauen - ihm aber traut man es zu.
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Wolfram galt schon früh als Wunderkind. Er besuchte die britischen Elite-Ausbildungsstätten Eton und Oxford, am California Institute of Technology machte er einen Doktor in theoretischer Physik - da war er 20 Jahre alt. Dort entwickelte er auch einen Vorläufer der Software, die ihn später berühmt und wohl auch recht wohlhabend machen sollte - "Mathematica", bis heute ein Standardwerkzeug für Wissenschaftler und Mathematiker, eine Art universeller Computer-Werkzeugkasten für mathematische Modelle. Nun schickt sich Wolfram an, mit einem neuen, noch ungleich komplexeren Stück Software eine noch größere Revolution auszulösen.
"Ein neues Paradigma für den Gebrauch von Computern und den des Web", nennt Wolfram selbst sein Projekt in einem Blogeintrag. Das klingt so vollmundig, dass man misstrauisch wird - schließlich sind schon viele bei dem Versuch gescheitert, eine mächtigere universelle Antwortmaschine als Google zu bauen. Vor fünfzig Jahren, in der Frühzeit der Computer, habe man erwartet, dass Maschinen bald mit all dem umgehen könnten, schreibt Wolfram: "Dass man dem Computer nur eine Sachfrage stellen müsste, und ihn die Antwort ausrechnen lässt. Aber dazu kam es nicht." Nun, glaube er, sei man an einem Punkt, an dem dieses Versprechen endlich einzulösen sei.
Mit der Kombination aus Mathematica und seinen Theorien über basale, elementare Programme, die er "zelluläre Automaten" nennt. Mit einem Buch über dieses Thema "A new Kind of Science" (online lesbar) machte Wolfram 2002 Furore, weit über die Welt der Mathematik und der Naturwissenschaften hinaus.
"Wolfram Alpha" soll nun das Werkzeug heißen, die Website, über die man es wird benutzen können, ist schon online - aber ohne Funktion. Im Mai soll sich das ändern, und man kann davon ausgehen, dass man im Googleplex in Mountain View mit großem Interesse ausprobieren wird, ob das Angebot tatsächlich funktioniert. Denn Wolfram Alpha soll viel von dem machen, was auch Google macht - nur besser.
Fragen beantworten nämlich, in natürlicher Sprache gestellt. Mit Antworten, die nicht Listen von möglichen Orten sind, an denen man die Antwort finden könnte, sondern schlicht das jeweils gesuchte Faktum. Einen "computational knowledge engine" nennt Wolfram das, eine "berechnende Wissensmaschine" gewissermaßen. Entwickelt im Verlauf von Jahren, mit einem Team von angeblich etwa hundert Mitarbeitern. Der Entwickler selbst betrachtet das Ganze durchaus als Work in Progress: Genau wie Mathematica werde auch Wolfram Alpha vermutlich nie ganz fertig.
Eine Suchmaschine im herkömmlichen Sinn wird Wolfram Alpha wohl nicht. Der Web-Unternehmer Nova Spivack hat sich den Prototypen schon ansehen dürfen, beschreibt das Werkzeug zunächst mal per Ausschlussverfahren: "Es wirft nicht einfach Dokumente aus, die vielleicht die Antwort enthalten, wie Google, und es ist nicht einfach eine gigantische Wissensdatenbank wie Wikipedia. Es versteht nicht nur natürliche Sprache und benutzt diese Fähigkeit, Dokumente zu finden, wie etwa Powerset."
Nein, schreibt Spivack in einem langen, fast ehrfürchtigen Blogeintrag, "Wolfram Alpha berechnet die Antworten auf eine breite Palette von Fragen." Spivack hat zahlreiche Unternehmen gegründet - und er ist Fachmann für das semantische Web, einer, der die bisherigen Lösungsansätze für die ungelösten Fragen eines klügeren Netzes genau kennt. Sein Unternehmen Twine will auch ein schlaueres Netz schaffen, wenn auch mit einem völlig anderen Ansatz, einem sozialen.
Berechnen aber ist bei Wolfram Alpha das entscheidende Stichwort. Es besteht, den dürftigen bisher verfügbaren Informationen zufolge, aus drei Teilen: Einer gigantischen Datenbank, einer gewaltigen Ansammlung von Algorithmen und einem Übersetzer, der aus sprachlich formulierten Fragen Rechenaufgaben macht, die von den Algorithmen unter Zugriff auf die Datenbasis gelöst werden können. Diese Datenbank soll faktische Information über die Welt, über wissenschaftliche Modelle und Zusammenhänge, über Kochen und Musik, Geografie und Technik und zahlreiche andere Gebiete enthalten.
Keine durch Webcrawler zusammengesuchten Informationen, sondern, wie Wolfram selbst schreibt, "kuratierte" Daten, und zwar "Billionen" davon. Kuratiert heißt: Wolframs Team hat die Datensätze ausgewählt, ihre Quellen als verlässlich eingestuft. Seien es Aktienkurse, geografische Koordinaten oder Informationen über das menschliche Genom.
"Wolfram Alpha ist, als ob man sich in ein gewaltiges elektronisches Gehirn einstöpselt", schrieb Nova Spivack nach seinem ersten Test. Es liefere "extrem eindrucksvolle und gründliche Antworten auf ein breites Spektrum von Fragen, auf viele verschiedene Arten gestellt." Und diese Antworten würden eben berechnet, "nicht einfach in einer großen Datenbank nachgeschlagen". Die Verbindung zum Web käme erst in einem weiteren Schritt - neben den Antworten des Systems könnten Links präsentiert werden, etwa zum entsprechenden Wikipedia-Eintrag oder Fachpublikationen zum Thema.
Die Antworten seien jedoch extrem detailliert, angereichert mit Grafiken und teilweise so gründlich, so umfassend, "dass man einen Universitätsabschluss bräuchte, um sie vollständig zu verstehen", schränkt Spivack ein. "Es wurde von und für Menschen mit Intelligenzquotienten in der Region von Wolframs konstruiert - man wird einige Arbeit hineinstecken müssen, um es ein paar hundert Punkte dümmer zu machen, um den Durchschnittskonsumenten nicht zu überwältigen."
Der Schöpfer der Denkmaschine sieht das naturgemäß anders. Das System werde, beendet Wolfram seinen Blogeintrag, "uns beinahe an den Punkt bringen, von dem die Menschen schon vor 50 Jahren dachten, dass Computer ihn erreichen würden." Im Mai wird man erahnen können, ob er recht behält.
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Christian Stöcker
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